Wer zahlt eigentlich den Rotstift?

Ein polemischer Kommentar über politische Prioritäten.
Ein roter Korrekturstift kostet nicht die Welt. Eigentlich kein Grund zur Aufregung. Und genau deshalb müssen wir dringend darüber reden.
In einschlägigen Lehrerforen liest man erstaunliche Geschichten: Da finanzieren Lehrkräfte ihr Handwerkszeug selbst. Sicher, manche schwören auf die ergonomische Luxus-Filzspitze aus Japan, und mancherorts soll das Sekretariat tatsächlich noch über Restbestände an Schreibmaterial verfügen. Doch der eigentliche Skandal ist das Achselzucken, mit dem das quittiert wird: Wer unterrichten will, bringt seine Arbeitsmittel gefälligst von daheim mit.1
Stellen Sie sich kurz vor, ein Bundespolizist müsste seine Dienstwaffe leasen oder ein Chirurg seine Skalpelle bei Amazon bestellen, weil das Klinikbudget gerade für Vorhänge draufging. Klingt absurd? An manchen Schulen scheint diese Logik schlicht zum Dienstag zu gehören.
Bei Kanonen sitzt die Geldbörse locker
Während im Klassenzimmer um Schreibmaterial gerungen wird, herrscht andernorts spendabler Rauschzustand. Für den Haushalt 2027 plant die Bundesregierung beim Thema Verteidigung in ganz anderen Dimensionen: Regulärer Wehretat und Sondervermögen klettern gemeinsam auf lockere 140 Milliarden Euro. Ein sattes Plus von gut 31 Milliarden im Vergleich zum Vorjahr.2 Für Munition und Rüstungsgüter wird nicht gekleckert, da wird mit vollen Händen serviert.
Und die Zukunft unserer Kinder? Das Ressort für Familie, Jugend und Bildung muss sich zeitgleich mit Kürzungen anfreunden. Gewiss, es gibt zusätzliche Mittel für Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur. Der Rückgang im Ministerium betrifft außerdem überwiegend Familienleistungen.3 Niemand streicht schließlich offiziell das Wort Bildung aus dem Wörterbuch. Doch die Prioritäten sprechen Bände: Wenn es knallt und rollt, ist Geld keine Frage des Ob, sondern nur des Wie-viel-darf’s-denn-sein. Steht hingegen eine Schule auf dem Spielzettel, mutiert die Republik zuverlässig zum schwäbischen Sparfuchs.
69 Milliarden Rückstand – und ein System zuckt mit den Schultern
Wie tief der Karren im Dreck steckt, beziffert das KfW-Kommunalpanel 2026: Ein geschätzter Investitionsstau von knapp 69 Milliarden Euro allein bei den Schulen.4 Wir reden hier nicht von fehlenden Luxus-Sitzsäcken. Wir reden von Schulgebäuden, die instand gesetzt und modernisiert werden müssen.
Die 69 Milliarden sind ein über Jahre aufgelaufener Rückstand, die 140 Milliarden geplante Verteidigungsausgaben für ein Jahr. Das ist keine direkte Gegenrechnung. Die politische Frage nach den Prioritäten bleibt trotzdem.
Natürlich kommt jetzt der deutsche Lieblingsreflex: der Bildungsföderalismus. „Aber der Bund darf doch gar nicht! Die Länder müssen doch! Und die Kommunen sind schuld!“
Ein System, das ein 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr auf den Weg bringen kann, erklärt den Eltern vor maroden Schulgebäuden feierlich das Grundgesetz.5 Wer vor einer bröckelnden Fassade steht, will keine Vorlesung über die Finanzverfassung hören. Er will Handwerker sehen. Doch statt unbürokratischer Sanierung ersticken Sanierungsgelder in meterhohem Papierkram und personell ausgebluteten Bauämtern. Fehlendes Personal sowie aufwendige Genehmigungs- und Vergabeverfahren nennt auch die KfW als Hindernisse.4
Sicherheit schmeckt fad ohne Zukunft
Ja, die Welt ist unsicher. Verteidigung kostet Geld. Doch daraus folgt nicht, dass jede Steigerung der Militärausgaben richtig ist und Bildung weiter warten muss.
Was nützt uns ein bis an die Zähne bewaffnetes Land, dessen Schulen auf notwendige Investitionen warten? Ein Staat, der seine Schulen verrotten lässt, rüstet nicht für die Zukunft, er verwaltet seine eigene Verwahrlosung. Kinder haben keine zweite Kindheit, die sie geduldig antreten können, sobald der letzte Rüstungsvertrag unterzeichnet ist.
Wenn Lehrkräfte fehlendes Material aus eigener Tasche ersetzen, um den Unterrichtsbetrieb am Laufen zu halten, ist das kein rührendes Engagement. Es ist ein staatliches Armutszeugnis auf Kosten engagierter Beschäftigter.
Ich will deshalb weniger Geld für Aufrüstung und mehr für Bildung. Bund, Länder und Gemeinden müssen die Finanzierung entsprechend organisieren. Zuständigkeiten sind eine Aufgabe für die Politik, keine Entschuldigung dafür, dass nichts passiert.
Wer Milliarden für Panzer beschließt, muss auch das Kleingeld für Schreibtische, Dächer und Rotstifte haben. Hört auf mit den Sonntagsreden, bezahlt endlich die Rechnungen.
Quellen
Footnotes
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lehrerforen.de: Was Lehrer aus eigener Tasche zahlen, insbesondere Beiträge 6 und 16–20. Die Diskussion enthält sowohl Berichte über private Käufe als auch über kostenlose Materialausgabe und persönliche Markenwünsche. Sie belegt keine allgemeine Pflicht zum privaten Kauf. „Kein Cent für Stifte“ ist eine polemische Zuspitzung, keine Aussage über sämtliche Schulen. ↩
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Bundesrechnungshof: Information über die Entwicklung des Einzelplans 14 für die Beratungen zum Bundeshaushalt 2027, 7. September 2026, Tabellen 1–2. Regulärer Verteidigungsetat und Sondervermögen Bundeswehr zusammen: rund 108,2 Milliarden Euro im Haushaltsplan 2026 gegenüber rund 139,7 Milliarden Euro im Regierungsentwurf 2027. Diese Gesamtsummen enthalten neben Beschaffungen auch Personal, Betrieb, Versorgung und weitere Ausgaben. Stand des Kommentars: 31. Oktober 2026, vor dem endgültigen Haushaltsbeschluss. ↩
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Deutscher Bundestag: Haushalt 2027: Weniger Ausgaben für Bildung und Familie, 19. August 2026. Der Ministeriumsetat soll von rund 16,66 auf 15,48 Milliarden Euro sinken, überwiegend wegen niedrigerer Ansätze für Familienleistungen. Zugleich steigt die Titelgruppe für Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur im Infrastruktur-Sondervermögen von rund 1,22 auf 1,41 Milliarden Euro. ↩
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KfW: KfW-Kommunalpanel: Kommunen wollen in diesem Jahr deutlich mehr investieren, 2026. Der wahrgenommene Investitionsrückstand bei Schulen wird auf 68,9 Milliarden Euro geschätzt. Grundlage ist eine repräsentative Befragung kommunaler Kämmereien, keine technische Einzelprüfung aller Schulgebäude. Die Veröffentlichung nennt auch Personalengpässe und aufwendige Verfahren als Investitionshindernisse. ↩ ↩2
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Artikel 87a Absatz 1a des Grundgesetzes: Grundlage des 2022 geschaffenen Sondervermögens Bundeswehr mit einer einmaligen Kreditermächtigung von bis zu 100 Milliarden Euro. ↩