Zur nebenwirkungsfreien Impfung bitte einmal mit Senf

„Drei im Weggla“ nach der Corona-Impfung. In Nürnberg standen Markus Söder, Gesundheitsminister Klaus Holetschek und Oberbürgermeister Marcus König persönlich am Grill und verteilten Bratwürste an die Geimpften. Die Staatsregierung hielt das Spektakel stolz in einer Pressemitteilung fest.1
Spritze rein, Wurst raus. Gesundheitspolitik als Imbissangebot.
Jetzt berichtet der MDR: Vegetarier und Veganer bekamen nach der untersuchten Corona-Booster-Impfung seltener Impffieber.2
Herrlich. Erst ködert man mit Bratwurst. Später kommt die Meldung über bessere Verträglichkeit bei fleischloser Ernährung. Und über dieser unfreiwilligen Satire thront Karl Lauterbachs damaliges Qualitätsversprechen: „nebenwirkungsfrei“.3
Da bleibt eigentlich nur eine Frage: Wozu die Verträglichkeit erforschen, wenn der spätere Gesundheitsminister die Nebenwirkungen schon per Twitter abgeschafft hatte?
1. Nebenwirkungsfrei. Weil Karl es sagt.
Im August 2021 schrieb Lauterbach:
„Stimmt. Und zusätzlich geht es darum, weshalb eine Minderheit der Gesellschaft eine nebenwirkungsfreie Impfung nicht will, obwohl sie gratis ist und ihr Leben und das vieler anderer retten kann.“3
Damals war er noch nicht Bundesgesundheitsminister. Die sprachliche Selbstherrlichkeit beherrschte er offenbar schon vorher.
„Nebenwirkungsfrei“ heißt nicht „meist gut verträglich“. Nicht „der Nutzen überwiegt für bestimmte Menschen die Risiken“. Es heißt: keine Nebenwirkungen. Null. Ein ausgesprochen gewagtes Versprechen für einen Arzt. Für eine Werbeanzeige wäre es schön kurz.
Und wenn man das Risiko erst einmal aus dem Satz gestrichen hat, lässt sich wunderbar über die störrische Minderheit rätseln. Gratis, rettet Leben, keinerlei Nebenwirkungen: Was stimmt mit diesen Leuten nicht?
Vielleicht wollten sie eine ernsthafte Antwort auf ihre Fragen. Statt eines politischen Werbespruchs mit ärztlichem Absender.
2. Der mündige Bürger bekommt eine Wurst
In Nürnberg hatte man für die gewünschte Entscheidung wenigstens eine handfeste Zugabe. Drei Bratwürste im Brötchen. Persönlich gereicht von der politischen Prominenz.1
Man muss sich dieses Bild ruhig gönnen: Eine Entscheidung über den eigenen Körper wird mit einem Imbiss prämiert. Die Verantwortlichen greifen zur Grillzange. Und die Staatsregierung verbreitet das Ganze als Erfolgsmeldung.
Für den Bürger eine Wurst. Für die Politik ein Foto. So appetitlich kann eine Impfkampagne aussehen.
Wer sich impfen lassen wollte, brauchte dafür keine politische Würstchenausgabe. Wer unsicher war, brauchte Antworten. Und wer Nein sagte, hatte keine falsch gelöste Aufgabe vor sich, die mit einer kleinen Belohnung noch zu korrigieren war.
Medizinische Einwilligung ist keine Rabattkarte.
3. Leider hat der Darm Twitter nicht gelesen
Nun meldet sich die Forschung. Im vom MDR beschriebenen Versuch wurden zunächst 171 gesunde Erwachsene zwischen 18 und 40 Jahren vor und nach ihrer dritten Biontech-Dosis untersucht. Die Forscher erfassten Körpertemperatur, Ernährung und Darmmikrobiom, also die Gemeinschaft der Mikroorganismen im Darm.2
Bestimmte Darmbakterien begünstigten stärkere Temperaturreaktionen. Vegetarisch und vegan lebende Teilnehmer hatten laut Bericht seltener solche Mikroben und seltener Impffieber. Ihre Antikörperantwort war dabei nicht schlechter.2
Weniger Fieber bei vergleichbarer Antikörperantwort. Für die Forschung ein interessanter Befund. Für die Erinnerung an die Bratwurstprämie eine ausgesprochen ungünstige Beilage.
Der Darm hatte offenbar versäumt, sich über die von Lauterbach verkündete Nebenwirkungsfreiheit zu informieren. Er reagierte einfach. Ganz ohne Rücksicht auf Lauterbachs Formulierung.
4. Nein, die Wurst ist nicht der Beweis
Damit niemand aus der Satire eine falsche Schlagzeile bastelt: Die Studie beweist nicht, dass die verteilten Gratis-Bratwürste Impffieber verursacht oder verstärkt haben. Untersucht wurde keine einzelne Wurst nach der Spritze.
5. Forschung darf dazulernen. Werbung darf nicht alles.
Söder musste die spätere Studie nicht kennen. Niemand verlangt Hellseherei am Bratwurstgrill. Auch Lauterbach musste nicht wissen, welche Darmbakterien eines Tages mit Impffieber in Verbindung gebracht würden.
Er musste lediglich wissen, dass „nebenwirkungsfrei“ eine absolute Behauptung ist. Und dass mögliche Nebenwirkungen sich nicht einfach per Twitter wegbehaupten lassen.
6. Aufklärung statt Würstchenpädagogik
Die Partei dieBasis fordert in ihrem Bundestagswahlprogramm 2025 umfassende medizinische Informationen und Aufklärung als Grundlage individueller Gesundheitsentscheidungen sowie eine freie Impfentscheidung.4
Daran gemessen wirkt die politische Würstchenausgabe ziemlich grotesk. Eine freie Entscheidung setzt voraus, dass ein Nein nicht als Defekt betrachtet wird. Und dass ein Ja auf nachvollziehbaren Informationen beruht, nicht auf einem glattgebügelten Sicherheitsversprechen oder einer Gratisbratwurst.
Die Bürger sind keine Kundschaft, deren letzte Kaufhemmung man mit einer Gratisbeilage überwinden muss. Ihr Körper ist kein Kampagnenziel.
Wer Vertrauen verspielt, weil er Risiken wegformuliert, kann es nicht vom Grill nachreichen.
Die Bratwurst gehört ins Brötchen. Die Nebenwirkungen gehören in die Aufklärung. Und das Wort „nebenwirkungsfrei“ gehört Lauterbach so lange vorgehalten, bis er erklärt, warum ausgerechnet er es benutzt hat.
Senf dazu? Den hatte die Politik schon reichlich geliefert.
Quellen
Footnotes
-
Bayerische Staatsregierung: Ministerpräsident Dr. Söder, Gesundheitsminister Holetschek und Oberbürgermeister König werben gemeinsam für Corona-Impfungen – Impfaktion vor dem Bratwurst Röslein in Nürnberg – Nach der Impfung „Drei im Weggla“ kostenlos, archiviert am 6. August 2026. ↩ ↩2
-
MDR WISSEN, Clemens Haug: Nebenwirkungen von Impfungen: Vegetarier haben einen Vorteil, Stand: 9. Oktober 2026. ↩ ↩2 ↩3
-
Karl Lauterbach: Twitter-Beitrag zur „nebenwirkungsfreien Impfung“, August 2021; zitiert ist der erste Satz. ↩ ↩2
-
Basisdemokratische Partei Deutschland: Bundestagswahlprogramm 2025, Januar 2025, Abschnitt „Für ein neues Gesundheitssystem“, archiviert am 2. Oktober 2026. ↩