Wer zahlt das sozialistische Wohn-Experiment in Berlin?

Titelbild: Berliner Mietskasernen und Plattenbauten, Waage mit Euro-Münzen und Kreditpapieren, Baukran und Warteliste vor einem Amtsschalter; Ronny rechts im Bild

Die Berliner Linke hat am Wahlabend ihre Zahl des Abends genannt: 250.000 Haustüren, an denen sie im Wahlkampf geklopft habe – verbunden mit dem Versprechen, Berlin wieder bezahlbar zu machen.1 Das klingt nach Volksnähe. Nur beantwortet es die entscheidende Frage nicht: Wer baut, wer zahlt, wer saniert in zwanzig Jahren?

240.000 bleiben 240.000

Nehmen wir die Größenordnung, die der Debatte zugrunde liegt – rund 240.000 Wohnungen (amtlich geschätzt circa 243.000, gerundet auf volle 10.000): Dieser Bestand wechselt den Eigentümer. Nach der Zwangsvergesellschaftung gibt es weiterhin nur 240.000 Wohnungen. Nicht 240.001. Keine einzige neue.

Das ist der blinde Fleck der Vergesellschaftungsdebatte. Der Volksentscheid von 2021 verlangte, Bestände aller privatwirtschaftlichen Unternehmen mit über 3.000 Wohnungen in Gemeineigentum zu überführen – verwaltet von einer neuen Anstalt öffentlichen Rechts, Entschädigung deutlich unter Verkehrswert.2 Ob das gerecht ist, darüber kann man streiten – Investoren würden sich eine Investition in Berlin und vermutlich in ganz Deutschland jedenfalls gründlich überlegen. Aber gerecht verteilt ist nicht gebaut. Eine Warteliste wird nicht kürzer, weil oben ein anderes Briefpapier hängt.

Das Gegenargument – fair gewürdigt

Ein Einwand verdient Respekt: Eine gemeinwirtschaftliche Verwaltung könnte Mieten dämpfen und Belegung sozialer steuern. Wer wenig verdient, soll nicht länger gegen Gutverdiener um dieselbe Wohnung bieten müssen. Das ist ein legitimes Ziel.

Nur: Umsteuern ist kein Zuwachs. Selbst wenn jede einzelne der übernommenen Wohnungen günstiger vermietet würde, sucht die 240.001. Familie weiter. Die Frage bleibt, wer die Lücke zwischen Bedarf und Bestand schließt. Darauf gibt kein Eigentümerwechsel eine Antwort – nur der Neubau.

Der Geld-Check: Entschädigung, Zinsen, Sanierung

Und dann kommt das Geld. Zwei Modelle stehen im Raum, und sie liegen Welten auseinander. Die Initiative selbst schätzt aktuell 8 bis 18 Milliarden Euro Entschädigung an die bisherigen Eigentümer – also etwa 40 bis 60 Prozent des Verkehrswerts.3 Die amtliche Schätzung zum Volksentscheid rechnete für rund 243.000 Wohnungen mit 28,8 bis 36 Milliarden Euro Entschädigung an die bisherigen Eigentümer.4 Die Diskrepanz zwischen beiden Modellen reicht bis zu knapp 20 Milliarden Euro.

Woher kommt das Geld? Das Grundgesetz verlangt bei einer Vergesellschaftung eine Entschädigung – zahlen müsste sie das Land Berlin aus seinem Haushalt. Berlin hat dafür keine Rücklage, der Haushalt ist klamm; Milliarden in dieser Größenordnung lassen sich nur über Kredite finanzieren.

Merken Sie sich den Mechanismus: Milliarden, die per Kredit finanziert werden, kosten jedes Jahr Zinsen. Und Häuser, die heute übernommen werden, müssen in zehn, zwanzig, dreißig Jahren saniert werden – Dächer, Heizungen, Bäder. Wer soll das zahlen? Die Mieteinnahmen, sagt die Initiative – die Refinanzierung trage sich selbst.3 Vielleicht. Vielleicht aber frisst der Schuldendienst genau den Spielraum auf, der für Sanierung und Neubau gedacht war.

Die Initiative verweist auf eine Refinanzierungsstudie: Je nach Einstiegsmiete (6 bis 8 Euro pro Quadratmeter), Bewirtschaftungsstandard, Laufzeit und Finanzierungsinstrument ließen sich 3,1 bis 25,6 Milliarden Euro aus den Mieten refinanzieren.3 Schon die Einstiegsmiete wirft Fragen auf: Aktuell liegt die durchschnittliche Angebotsmiete in Berlin bei knapp 13 Euro pro Quadratmeter.5 Soll die Einstiegsmiete bei 6 bis 8 Euro bleiben, trägt sich nur das untere Ende der Rechnung – soll mehr refinanziert werden, müssen Miete, Laufzeit oder Standard entsprechend steigen. Weil jede Stellschraube anders gedreht werden kann, spreizt sich das Ergebnis von 3,1 bis 25,6 Milliarden – Faktor acht, für reale, verlässliche Politik nahezu unbrauchbar. Genau darin steckt die Gretchenfrage: Welche Miete gilt in zwanzig Jahren, welche Laufzeit trägt der Haushalt, welcher Standard wird saniert? Jede Antwort verteilt die Last anders: auf Mieter, Steuerzahler oder die Bausubstanz. Wer das verschweigt, verkauft einen Eigentümerwechsel als Finanzierung.

Dann stellt sich die Fairness-Frage. Berlin ist der größte Empfänger im Länderfinanzausgleich: 2024 rund 3,9 Milliarden Euro Zuschlag plus 1,8 Milliarden allgemeine Bundesergänzungszuweisungen, 2025 rund 4,2 Milliarden plus 1,9 Milliarden.67 Aber politisch bleibt die Frage erlaubt: Wie sozial ist es, wenn ein Empfängerland, das bereits jetzt Milliarden aus dem Solidartopf aller Länder erhält, sich gleichzeitig das teuerste wohnungspolitische Experiment der Republik leistet? Die Antwort schulden die Befürworter den Steuerzahlern in den Geberländern genauso wie den Mietern in Marzahn. Und provokant gefragt: Wäre den Geberländern nicht besser geraten, den Geldhahn zuzudrehen? Vielleicht hätte sich das Thema dann schon erledigt – und die Linke käme in der Realität an.

Was der letzte Eingriff gebracht hat

Berlin hat das Experiment im Kleinen schon hinter sich. Der Mietendeckel sollte Mieten senken – und tat das für regulierte Wohnungen auch: Die Inseratsmieten regulierter Wohnungen sanken gegenüber unregulierten um rund 7 bis 11 Prozent. Nur wurden Wohnungen gleichzeitig schwerer zu finden – das Angebot verknappte sich – die einfachsten wirtschaftlichen Grundlagen lassen grüßen.8 Die aktuelle ifo-Studie von August 2026 zeigt die Langfrist: weniger Neubau und Sanierung vor allem bei großen Anbietern.9

Das Muster ist immer gleich: Der Eingriff hilft kurzfristig denen, die drin sind. Und schadet mittelfristig denen, die rein wollen – weil keiner mehr baut.9

Der DDR-Spiegel – eng und ehrlich

Der Blick nach Osten lohnt, wenn er ehrlich bleibt. Die DDR hat massenhaft gebaut – rund 2,1 Millionen Wohnungen zwischen 1971 und 1989, meist Platte am Stadtrand.10 Trotzdem blieb die Wohnungsfrage ungelöst: Anfang der Siebziger rund 600.000 Suchende, Wartezeiten bis zu zehn Jahren, staatliche Zuteilung statt Wahl.10 In Altbauten wurde zu wenig investiert, sie verfielen – Ende der Achtziger war die Verfallsrate höher als die Neubaurate. 1990 standen rund 770.000 Suchenden etwa 440.000 leerstehende, meist baufällige Wohnungen gegenüber.10

Mangel trotz Massenbau. Zuteilung statt Angebot. Verfall statt Sanierung. Wer heute wieder auf Zuteilung und Verwaltung setzt, muss erklären, was diesmal anders läuft – bei Bau, Geld und Instandhaltung.

Die dieBasis-Position

dieBasis setzt hier auf Bauen statt Umverteilen: Der Staat müsse Wohnraum schaffen, Wohnbaugesellschaften stärker in die Pflicht nehmen, erschwingliches Bauen ermöglichen und Leerstand aus Spekulation verhindern – bei gleichzeitigem Abbau überregulierter Bauvorschriften. Wohnen sei ein Grundrecht und müsse bezahlbar sein.11

Fazit

Die Linke hat die Wahl mit 25,7 Prozent gewonnen, in Friedrichshain-Kreuzberg holte Elif Eralp 50,4 Prozent der Erststimmen.1213 Respekt vor dem Ergebnis. Aber Wählerauftrag heißt Rechenschaft: Offenzulegen ist, was ein Quadratmeter Entschädigung kostet, welche Miete Zins und Sanierung trägt – und woher Grundstücke, Genehmigungen und Neubau kommen und wer den Spaß am Ende wirklich bezahlen soll.

Quellen

Footnotes

  1. Sekundärberichte zum Wahlabend 20.09.2026 (u. a. internationale Wahlberichterstattung): Maximilian Schirmer (Co-Vorsitzender Die Linke Berlin) habe von 250.000 Haustüren im Wahlkampf gesprochen, verbunden mit dem Anspruch, Berlin wieder bezahlbar zu machen – Originalquelle (Rede/Video/PM) noch zu sichern; Kampagnenkontext: Die Linke Berlin, Kampagne gegen Mieten-Notstand, Archivfassung vom 18.05.2026 mit Ziel „Wohnung für Wohnung bezahlbar machen“. Im Artikel bewusst als berichtete Aussage, nicht als wörtliches Primärzitat geführt.

  2. Land Berlin: Beschluss zur Erarbeitung eines Gesetzentwurfs durch den Senat zur Vergesellschaftung der Wohnungsbestände großer Wohnungsunternehmen, Archivfassung vom 21.09.2026, Wortlaut und wesentlicher Inhalt des Volksentscheid-Beschlusses 2021, abgerufen am 21.09.2026, Schwelle 3.000 Wohnungen je Unternehmen.

  3. Deutsche Wohnen & Co. enteignen: Faktencheck: Entschädigung und Refinanzierung der Vergesellschaftung, Archivfassung vom 21.09.2026, 19.08.2026, abgerufen am 21.09.2026, Schätzung 8–18 Mrd. Euro, ca. 40–60 % des Verkehrswerts. 2 3

  4. Land Berlin: Allgemeine Informationen zum Volksentscheid, Archivfassung vom 18.09.2026, amtliche Kostenschätzung, abgerufen am 21.09.2026, 28,8–36 Mrd. Euro für ca. 243.000 Wohnungen.

  5. ImmobilienScout24: Mietspiegel Berlin, Archivfassung vom 09.10.2025, abgerufen am 21.09.2026, durchschnittliche Angebotsmiete Q2 2026 ca. 12,72 €/m²; im Artikel als Kontrast zur Modellannahme 6–8 €/m² Einstiegsmiete. Die verfügbare Archivfassung ist älter und belegt nicht den verwendeten Q2-2026-Datensatz.

  6. Bundesfinanzministerium: Der bundesstaatliche Finanzausgleich im Jahr 2024, Archivfassung vom 07.12.2025, Monatsbericht April 2025, abgerufen am 21.09.2026, Berlin-Zuschlag 3,943 Mrd. Euro, allgemeine BEZ 1,797 Mrd. Euro, keine Zweckbindung.

  7. Bundesfinanzministerium: Der bundesstaatliche Finanzausgleich im Jahr 2025, Archivfassung vom 21.09.2026, Monatsbericht April 2026, abgerufen am 21.09.2026, Berlin-Zuschlag 4,223 Mrd. Euro, allgemeine BEZ 1,926 Mrd. Euro.

  8. Hahn, Kholodilin, Waltl: DIW Wochenbericht 8/2021, „Die unmittelbaren Auswirkungen des Berliner Mietendeckels: Wohnungen günstiger, aber schwieriger zu finden”, Archivfassung vom 13.01.2025, Titelthese; im Artikel nur unmittelbare Wirkung (Inseratsmieten regulierter Wohnungen ca. 7–11 % unter unregulierten, Angebot verknappt).

  9. ifo Institut: Mietendeckel und Enteignungsdebatte verschärfen Wohnungskrise in Berlin, Archivfassung vom 21.09.2026, Pressemitteilung 14.08.2026, abgerufen am 21.09.2026, Zeitraum 2017–2024, 14 Großstädte; im Artikel nur Langfrist-Lehre (weniger Neubau/Sanierung vor allem bei großen Anbietern, kurzfristig drin vs. mittelfristig rein). 2

  10. Bundeszentrale für politische Bildung: Wohnen, Archivfassung vom 21.09.2026, Lange Wege der deutschen Einheit, abgerufen am 21.09.2026, DDR-Abschnitt mit Neubau-, Suchenden- und Verfallszahlen. 2 3

  11. dieBasis: Wahlprogramm Bundestagswahl 2025, Archivfassung vom 19.02.2025, Abschnitt „Wohnen, Stadtentwicklung & Bauwesen” (S. 56–57): Wohnbaugesellschaften in die Pflicht nehmen, Staat muss Wohnraum schaffen, erschwingliches Bauen ermöglichen, Leerstand aus Spekulation verhindern, Bauvorschriften abbauen; Wohnen als Grundrecht, bezahlbar.

  12. Amt für Wahlen Berlin: Ergebnisse Wahl zum 20. Abgeordnetenhaus von Berlin am 20. September 2026, Archivfassung vom 21.09.2026, vorläufiges Ergebnis vom 21.09.2026, Linke 25,7 % Zweitstimmen.

  13. Amt für Wahlen Berlin: Ergebnisse Wahlkreis 0201 Friedrichshain-Kreuzberg 1, Archivfassung vom 20.09.2026, vorläufiges Ergebnis vom 21.09.2026, Elif Eralp 50,4 % Erststimmen.

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