Grünes Versprechen, graue Realität: Habecks Ammoniak-Deal und das Schweigen danach

Titelbild: Windräder und Solarpaneele in namibischer Wüstenlandschaft als stilisierte Industriekulisse, davor leeres Frachtschiff mit Tank-Symbolik auf dem Meer, verblasste Pressekamera als Symbol für mediales Schweigen; Ronny rechts im Bild

Anfang Dezember 2022 flog Robert Habeck mit großer Delegation nach Windhuk. Die Bilder zeigten Aufbruch in die grüne Wasserstoffzukunft. In der Wüste bei Lüderitz sollte entstehen, was Berlin damals dringend brauchte. Von einer Million Tonnen grünem Ammoniak pro Jahr war die Rede, ab 2027 auch für Deutschland.12

Vier Jahre später gibt es keine Produktion, keinen Baubeginn, keine Investitionsentscheidung. Hyphen nennt inzwischen die frühen 2030er Jahre.3 RWE hat sich zurückgezogen. Und die mediale Nachfrage bleibt aus.

In Windhuk klang es nach Lösung

Der Zeitpunkt war kein Zufall. Deutschland steckte in der Energiekrise, Gas war teuer und knapp, die Ampel suchte händeringend nach Alternativen. Habeck traf am 5. Dezember 2022 Präsident Hage Geingob, sprach über Klima, Energie und Wasserstoff.1 Die Botschaft an das heimische Publikum war klar: Wir finden neue Partner, wir werden unabhängig, und das auch noch klimaneutral.

Doch das Hyphen-Projekt war damals nur ein Plan. Die Konzession folgte erst am 26. Mai 2023.4 Wer 2022 von Lieferungen ab 2027 sprach, verkaufte Hoffnung als Zeitplan.

Das ist der erste Musterfehler grüner Energiepolitik: Ein fernes Ziel wird präsentiert wie eine bestellte Lieferung. Der Unterschied zwischen Absicht und Vertrag verschwindet im Kameralicht.

Was wirklich auf dem Tisch lag: kein Deal, nur ein Memo

RWE und Hyphen unterschrieben am 2. Dezember 2022 ein Memorandum of Understanding. Darin prüften beide Seiten eine mögliche Abnahme von bis zu 300.000 Tonnen grünem Ammoniak pro Jahr ab 2027.2 Das Wort ist entscheidend: könnten, nicht werden. Es war eine Absichtserklärung für Gespräche, kein Kaufvertrag, keine Abnahmegarantie.

Hyphen listet für September 2022 bis Mai 2023 weitere solcher Erklärungen mit Kunden in Europa und Korea auf, in Summe über eine Million Tonnen.4 Keine Verkäufe, nur Interesse. In der Berichterstattung wurde daraus schnell Partnerschaft, fast schon Versorgung.

Solche Memos sind normal. Unehrlich wird es, wenn Politik daraus eine Beruhigung für die Gasnot macht.

Vier Jahre später: kein Gramm, kein Bau, neues Datum

Heute nennt Hyphen für Phase 1 eine Million Tonnen Ammoniak pro Jahr in den frühen 2030er Jahren, Phase 2 soll vor Mitte der 2030er Jahre folgen.3 Das ist ein Unternehmensziel, kein gesicherter Termin. Frühere Ziele von 2027 oder 2028 sind damit faktisch vom Tisch.

Das Vorhaben steckt weiter in Machbarkeit, Engineering und Genehmigungen. Die 40-Jahre-Konzession verteilt die Rollen klar: Namibia schafft den Rahmen, Hyphen liefert Technik, Geld und Nachweise.4 Genau daran hängt es. Die Finanzierung über zehn Milliarden US-Dollar steht nicht, gebaut wird nicht.

Aus vier Jahren wurden acht bis zehn. Wer 2022 Entlastung suggerierte, hat die Realität um ein Jahrzehnt verfehlt.

Ein Nationalpark als Industriegebiet?

Das Projekt soll im Tsau-//Khaeb-Nationalpark bei Lüderitz entstehen, auf rund 4.000 Quadratkilometern.5 Das Gebiet ist ehemaliges Sperrgebiet, angestammtes Land der Nama und zugleich ein außergewöhnlich empfindlicher Naturraum mit seltener Sukkulentenvegetation, sensiblen Vogel- und Meereslebensräumen.

Naturschützer und Nama-Vertreter warnen vor Zerschneidung und Industrialisierung des Schutzgebiets.5 Die Umweltprüfung läuft noch. Kein endgültiger Schaden belegt, aber ein realer Konflikt.

Das ist deutsche Doppelmoral. Zu Hause wird jede Anlage artenschutzrechtlich geprüft, in Namibia soll ein Industriekomplex im Nationalpark als Fortschritt gelten. Wie grün ist Energie, die ein Schutzgebiet opfert?

RWE steigt aus, leise und folgerichtig

Ende September 2025 zog RWE die Reißleine. Die europäische Nachfrage wachse langsamer als erwartet, man habe Projekte überprüft und Kapital umgeschichtet.5 Lieber Aktien zurückkaufen als unsichere Wasserstoffprojekte finanzieren.

Wichtig ist, was RWE nicht war: Käufer. Hyphen-Sprecher Ricardo Goagoseb bestätigte, es habe nie einen Kaufvertrag mit RWE gegeben, nur eine Vereinbarung zur Prüfung einer möglichen Abnahme.5 Der viel zitierte Rückzug von einer Garantie über 300.000 Tonnen ist also falsch formuliert. Es gab nie eine Garantie. Es gab eine Hoffnung, die nun endet.

Das ist ein Warnsignal fürs Exportmodell. Wenn selbst ein Konzern mit eigenem Terminalplan in Brunsbüttel2 kalte Füße bekommt, stimmt nicht nur der Zeitplan nicht, sondern die Wirtschaftlichkeit.

Wo bleibt die vierte Gewalt?

2022 liefen Jubelberichte über die Wasserstoffmission. 2026 müsste die Bilanz folgen: Was wurde aus 2027, was aus dem Terminal, was aus der Million Tonnen? Stattdessen herrscht Schweigen, gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der damals nah an der Delegation dran war.1

Das ist Bequemlichkeit. Ankündigungen lassen sich bebildern, Prüfverfahren nicht. Ein grüner Vizekanzler darf im ÖRR fast alles versprechen, Nachrechnen gilt als Störung. Bei grüner Ideologie heißt es: Die Richtung stimmt ja.

Genau darin liegt das Muster von Pleiten, Pech und Pannen. Erst Moral statt Rechnung, dann Verzögerung statt Lieferung, am Ende Schweigen statt Verantwortung. Der Bürger zahlt doppelt: einmal über hohe Energiepreise, einmal über verlorene Jahre.

Was daraus folgen muss

Nein, formal gescheitert ist das Projekt nicht. Der Standort hat Sonne und Wind im Überfluss. Namibia hält seit Dezember 2024 über SDG Namibia One 24 Prozent an Hyphen, neben Enertrag und Nicholas Holdings.6 Vor Ort glaubt man weiter daran.

Aber Glaube ist kein Liefervertrag. Zwischen Absichtserklärung, Machbarkeitsstudie, Konzession, Investitionsentscheidung, Genehmigung und realer Produktion liegen Welten. Wer diese Stufen vermischt, betrügt die Öffentlichkeit, auch ohne Lüge.

dieBasis setzt laut Bundestagsprogramm auf Preis, Versorgungssicherheit und Umwelt plus Regionalität.7 Diese Position unterstütze ich: Wasserstoff hat eine deutlich geringere Energiedichte als Erdgas, seine Herstellung per Elektrolyse kostet viel Energie mit entsprechenden Umwandlungsverlusten. Wer Strom erst in Wasserstoff und Ammoniak umwandelt, über Tausende Kilometer verschifft und am Ende wieder verstromt oder verbrennt, verliert an jeder Stufe Wirkungsgrad und Geld. Deshalb ist Wasserstoff für mich kein Ersatz für verlässliche Grundversorgung, und zu Erdgas und Öl gibt es aktuell keine Alternative.

Man muss diese Position nicht teilen, um die Lehre zu sehen. Energiepolitik braucht Prüfbarkeit statt Predigt. Wer 2022 Ammoniak ab 2027 verspricht und 2026 auf die frühen 2030er verweist, schuldet eine Erklärung. Und Medien, die damals applaudierten, schulden Nachfragen. Sonst bleibt vom grünen Versprechen nur graue Realität, bezahlt von allen, verantwortet von niemandem.

Quellen

Footnotes

  1. Tagesschau: Habeck in Namibia und Südafrika: Energiekrise und Kolonialgeschichte, 04.12.2022, abgerufen am 21.09.2026, Reise nach Namibia, Treffen am 05.12.2022 in Windhuk zu Klima, Energie und Wasserstoff. 2 3

  2. RWE: RWE and Hyphen explore offtake of green ammonia from Namibia, Pressemeldung 02.12.2022, abgerufen am 21.09.2026, MoU über mögliche Abnahme von bis zu 300.000 Tonnen pro Jahr ab 2027, Projektziel 1 Mio. Tonnen, Enertrag als Joint-Venture-Partner, Terminal Brunsbüttel bis 2026 als möglicher Zielhafen. 2 3

  3. Hyphen: The Hyphen Project, abgerufen am 21.09.2026, Phase 1 1 Mio. Tonnen Ammoniak frühe 2030er Jahre, Phase 2 kumuliert 2 Mio. Tonnen vor Mitte der 2030er Jahre, noch vor FID und Baubeginn. Hinweis: Die Aufnahme vom 11.04.2026 nennt noch Ende 2028 und Ende 2030 als Ziele; die aktuellen frühen und mittleren 2030er Jahre stehen nur in der Live-Fassung, daher hier die Original-URL. 2

  4. Hyphen: Our story, Timeline, abgerufen am 21.09.2026, Konzession 26.05.2023, MoUs Sept. 2022 bis Mai 2023 über 1 Mio. Tonnen, Rollenverteilung GRN und Hyphen, 40 Jahre Laufzeit. 2 3

  5. The Namibian: German power company ends ammonia talks with Hyphen, 29.09.2025, abgerufen am 21.09.2026, RWE-Rückzug wegen langsamer EU-Nachfrage und Kapital-Reallokation, kein Kaufvertrag je unterschrieben, 4.000 km2 im Tsau-||Khaeb-Park, Nama-Land und Sperrgebiet-Historie, Machbarkeitsphase mit ausstehenden Konsultationen. 2 3 4

  6. Hyphen: Our shareholders, abgerufen am 21.09.2026, ENERTRAG kontrollierend, Nicholas Holdings, Namibia 18.12.2024 24 Prozent via SDG Namibia One, 1-Mrd.-USD-Blended-Finance-Fonds gemanagt von Nam-H2 aus EIF, CFM und Invest International.

  7. dieBasis: Wahlprogramm Bundestagswahl 2025, Abschnitt Energie ab Seite 22, Preis, Versorgungssicherheit und Umwelt plus Regionalität, Wasserstoff mit geringerer Energiedichte als Erdgas und Umwandlungsverlusten, Ablehnung großräumiger Rohrverteilung, zu Erdgas und Öl aktuell keine Alternative.

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