Söder und die Messergewalt: Richtige Zahl, falsche Entwarnung

Illustrative Fotomontage mit zwei Porträts, Messer, deutscher und bayerischer Flagge sowie einem Balkendiagramm registrierter gefährlicher und schwerer Körperverletzungen mit Messer von 2022 bis 2025.

Illustrative Fotomontage.

Wer über Messergewalt spricht, sollte mit Zahlen über Messergewalt antworten. Nicht mit einer möglichst beruhigenden Gesamtbilanz der Kriminalität. Genau daran muss sich Markus Söders Argumentation messen lassen: an nachvollziehbaren Argumenten, nicht daran, wer die vermeintlich passende Zahl am wirkungsvollsten vorträgt. Eine richtige Zahl macht aus einem schiefen Vergleich noch keinen ehrlichen.

Bayern ist nicht Deutschland

Bei “Maischberger” am 8. September 2026 sprach Markus Söder über die Migrationsdebatte und den AfD-Erfolg. Sinngemäß erklärte er: Straftaten und Messerstechereien würden im Netz so stark verbreitet, dass der Eindruck eines Landes vor dem Chaos entstehe. Unmittelbar danach verwies er auf Bayern und die dort sicherste Situation seit 1978.1

Diese Aussage hat eine Grundlage. Das Innenministerium meldet für 2025 eine sinkende Kriminalitätsbelastung und 4,5 Prozent weniger Gewaltkriminalität als im Vorjahr. Die Aussage zur besten Sicherheitslage seit 1978 versieht es allerdings mit einer Ausnahme: dem Corona-Jahr 2021.2

Das sind erfreuliche Ergebnisse. Nur: Söder spricht bei “Maischberger” über bundesweite Wahrnehmung und nennt Messerstechereien als Beispiel. Seine Antwort ist eine bayerische Gesamtbilanz. Er wechselt damit sowohl die Region als auch die betrachteten Straftaten.

Der Rückgang 2025 ist nicht die ganze Geschichte

Auch der Blick nur auf die jüngsten beiden Jahre greift zu kurz. Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung mit Messer registrierte die Polizei bundesweit folgende Fallzahlen:34

JahrRegistrierte Fälle
20228.160
20238.951
20249.917
20259.227

2025 ging die registrierte Zahl um 7 Prozent zurück. Sie lag aber noch rund 13 Prozent über 2022. Wichtig für diesen Vergleich: Laut BKA waren die Messerangriffsdaten bis einschließlich 2023 nur eingeschränkt valide. Die Reihe zeigt deshalb die Entwicklung der erfassten Fälle, keinen exakt messbaren Anstieg der tatsächlichen Gewalt.4

Auch bei der gesamten Gewaltkriminalität reicht der Blick weiter zurück: Das BKA meldete von 2021 auf 2022 einen Anstieg um 19,8 Prozent, von 2022 auf 2023 weitere 8,6 Prozent. 2024 wurden 217.277 Fälle registriert, 2025 noch 212.335–ein Rückgang um 2,3 Prozent.53 Das ist eine andere, breitere Deliktgruppe, nicht die Messerreihe aus der Tabelle.

Die Entwicklung ist also weder eine ununterbrochene Explosion noch eine durchgehend beruhigende Erfolgsgeschichte. Ein Rückgang im letzten Jahr macht die vorausgegangenen Anstiege nicht ungeschehen.

Eine gute Landesbilanz ersetzt kein Argument

Wer die Verbreitung von Messerberichten als Erklärung für die Stimmung im Land anführt, muss zeigen, wie Wahrnehmung und tatsächliche Entwicklung auseinanderliegen. Eine günstige bayerische Gesamtstatistik kann das nicht leisten. Ebenso wenig erklärt sie, warum Menschen die AfD wählen.

Die Kritik lautet deshalb nicht: Söders Zahl ist erfunden. Sie lautet: Seine Zahl beantwortet die Frage nicht, für die er sie anführt.

Verantwortung heißt, passend zu vergleichen

Ich erwarte keine emotionsfreie Politik. Aber wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss mit nachvollziehbaren Sachargumenten überzeugen: dieselbe Region, dieselben Straftaten, ein aussagekräftiger Zeitraum. Und anschließend erklären, welche Maßnahmen konkret helfen sollen.

Söder darf Bayerns Bilanz loben. Wenn er damit bundesweite Sorgen über Messergewalt einordnen will, schuldet er jedoch den passenden Vergleich.

Quellen

Footnotes

  1. Maischberger: Söders Aussagen zu Messergewalt und Bayerns Sicherheitslage – Videoausschnitt, Sendung vom 08.09.2026, relevante Passage 4:25–4:39. Sinngemäße Wiedergabe anhand der automatischen deutschen Untertitel; kein wortgetreu am Ton geprüftes Zitat.

  2. Bayerisches Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration: Herrmann stellt Kriminalstatistik 2025 vor: Beste Sicherheitslage in Bayern seit 1978, 16.03.2026, archiviert am 21.07.2026; Einleitung sowie Abschnitte zu Kriminalitätsbelastung, Gewaltkriminalität und Cannabisgesetz.

  3. Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kriminalstatistik 2023: Gesamtkriminalität steigt weiter an, archiviert am 23.08.2026; Abschnitte “Erneuter Anstieg von Gewaltkriminalität” und “Gewaltdelikte mit Messerangriff”. 2

  4. Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 – Ausgewählte Zahlen im Überblick, Abschnitt “Messerangriffe bei Gewaltkriminalität”, Tabelle zu Schlüssel 222000 und Hinweis zur Datenvalidität bis 2023. Originalquelle geprüft; Archivnachweis noch offen. 2

  5. Deutscher Bundestag: Schriftliche Fragen, Drucksache 21/5661, 30.04.2026, archiviert am 19.06.2026; Antwort von Daniela Ludwig vom 28.04.2026 auf Frage 43, S. 32. Archivierte Vorabfassung; Zahlen mit der aktuellen Fassung abgeglichen.

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