Krisenvorsorge ist keine Spinnerei

Titelbild: Ronny neben einem Notfallrucksack mit Wasser, Lebensmitteln und Radio; Aufmacher „Spinner oder vorbereitet?“ zur Debatte über Krisenvorsorge und Prepper-Framing

Deutschlands Innenminister packen öffentlichkeitswirksam Notfallrucksäcke. Plötzlich ist Krisenvorsorge also wichtig. Gut so–nur hätte man Menschen, die genau das seit Jahren pragmatisch tun, vielleicht nicht so oft in die Spinner-Ecke stellen sollen.

Plötzlich entdeckt die Politik die Eigenverantwortung

Bei der Innenministerkonferenz in Hamburg demonstrierten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und die Innenminister der Länder laut t-online, was in einen Notfallrucksack gehört: Dokumente, Verbandstasche, Essgeschirr, Besteck und andere Dinge, die im Ernstfall nützlich sein können.1

Der entscheidende Satz kam dabei aus Hamburg: Es gebe bei der Vorbereitung für den Ernstfall einen Teil, den der Staat nicht übernehmen könne. Schon ein größerer Stromausfall könne reichen, damit Menschen für sich selbst sorgen müssen.1

Ich halte diese Botschaft für richtig.

Nicht aus Panik. Nicht aus Weltuntergangsfantasie. Sondern aus nüchternem Realitätssinn.

Wer sich im Alltag umsieht, sollte nicht blind vertrauen

Wir leben in einem Land, in dem schon kleine Krisen reichen, um gewohnte Abläufe durcheinanderzubringen. Im Juni 2026 musste das Gesundheitsamt Würzburg wegen Enterokokken im Trinkwasser ein Abkochgebot für Würzburg und Gerbrunn aussprechen.2

Das ist keine Apokalypse. Aber es zeigt, wie schnell eine alltägliche Selbstverständlichkeit plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist.

Und wichtig: Die Folge war nicht nur ein behördlicher Hinweis auf dem Papier. TV Mainfranken berichtete dazu von leeren Wasserregalen in Supermärkten.3 Genau das ist der Punkt: Wer zu Hause zumindest etwas Wasser stehen hat, muss in so einer Mini-Krise nicht sofort losrennen und hoffen, dass im Laden noch genug da ist.

Ein anderes Beispiel ist der Stromausfall im Südwesten Berlins Anfang Januar 2026. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz wurden nach einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke mehrere Starkstromkabel beschädigt. Rund 45.000 Haushalte und etwa 2.200 Gewerbebetriebe waren betroffen, teilweise bis zum 8. Januar. Auch Krankenhäuser und Pflegeheime waren betroffen, Notrufnummern waren zeitweise nur eingeschränkt erreichbar, Telefonie und Nahverkehr waren gestört, Ampeln und Straßenbeleuchtung fielen aus und zahlreiche Haushalte hatten wegen Ausfällen im Heizkraftwerk Berlin-Lichterfelde kein warmes Wasser.4 Auch das ist kein abstraktes Prepper-Szenario. Das ist Alltag, wenn kritische Infrastruktur plötzlich ausfällt.

Dazu kommen überlastete Behörden, lange Wartezeiten bei Fachärzten und Lieferketten, die bei Störungen erstaunlich schnell spürbar werden können. Das ist meine persönliche Alltagseinschätzung, keine Katastrophenprophezeiung.

Warum sollte ich mich im Ernstfall ausschließlich darauf verlassen, dass der Staat schon rechtzeitig alles regelt?

Der Staat hat Aufgaben. Natürlich. Aber mündige Bürger sollten nicht darauf reduziert werden, im Zweifel auf Anweisungen zu warten.

Das BBK sagt im Kern dasselbe

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt auf seiner Ratgeberseite ausdrücklich persönliche Vorsorge. Der Ratgeber soll helfen, sich auf Krisen vorzubereiten. Gleichzeitig betont das BBK, dass Notfallvorsorge individuell ist und seine Empfehlungen keine verbindliche Vorgabe sind.5

Genau diese Haltung finde ich vernünftig.

Nicht jeder braucht denselben Vorrat. Nicht jeder hat denselben Platz, dasselbe Budget oder dieselben Risiken. Für den einen reichen ein paar Kästen Wasser, haltbare Lebensmittel und eine Taschenlampe. Der andere möchte zusätzlich Wasserfilter, chemische Wasseraufbereitung, Powerstation, Funkgerät oder einen umfangreicheren Notfallrucksack.

Entscheidend ist nicht die perfekte Liste. Entscheidend ist, überhaupt anzufangen.

Krisenvorsorge ist mehr als Dosen im Keller

Materielle Vorsorge ist wichtig: Wasser, Lebensmittel, Medikamente, Licht, Wärme, Hygiene, Dokumente, Bargeld, ein kleines Radio, Powerbanks und ein Plan für den Fall, dass Strom, Wasser oder Internet nicht wie gewohnt funktionieren.

Aber mindestens genauso wichtig ist ein funktionierendes Netzwerk.

Familie. Freunde. Nachbarn. Bekannte mit praktischen Fähigkeiten. Jemand kennt sich mit Elektrik aus. Jemand mit Medizin. Jemand kann organisieren. Jemand hat Werkzeug. Jemand kann kochen, reparieren, fahren, beruhigen oder einfach mit anpacken.

In echten Krisen hilft kein einsamer Held aus einem Hollywood-Film. In echten Krisen helfen Menschen, die sich kennen und einander vertrauen.

Und jetzt die Preisfrage: Sind die Innenminister jetzt Prepper?

Was mich an der aktuellen Debatte stört, ist nicht, dass Politik und Behörden zur Vorsorge aufrufen. Das ist richtig.

Mich stört der mediale Gedächtnisverlust.

Vor nicht allzu langer Zeit wurden Menschen, die sich auf mögliche Krisen vorbereiten, in Teilen der Leitmedien gerne mit einem sehr schrägen Blick betrachtet. Die ZEIT formulierte in der Beschreibung eines Artikels, die Prepper-Szene habe lange als Domäne “rechter Spinner” gegolten.6

Die Süddeutsche schrieb über eine “disparate Prepper-Szene”: Die einen horteten Dosen, die anderen Waffen. Gleichzeitig wird dort auch sichtbar, dass die Szene schwer über einen Kamm zu scheren ist.7

Ja, es gibt in solchen Milieus extreme, gefährliche und rechtsextreme Ausprägungen. Natürlich muss man darüber berichten. Aber daraus darf eben nicht folgen, dass jeder Mensch mit Wasservorrat, Gaskocher und Notfallradio unter Generalverdacht gestellt wird.

Denn wenn die Innenminister öffentlich Notfallrucksäcke packen, müsste man nach dieser Logik fragen: Sind das jetzt auch rechte Spinner?

Natürlich nicht.

Und genau daran sieht man, wie absurd die Schublade ist.

Zwischen Naivität und Zombieapokalypse gibt es Vernunft

Prepper werden medial gerne so dargestellt, als würden sie jeden Morgen aufstehen und auf “The Walking Dead” hoffen. Diese Extrembilder bringen Klicks. Sie erzeugen klare Rollen: hier die vernünftige Mitte, dort die seltsamen Weltuntergangsmenschen.

Aber das Leben ist meistens weniger bequem.

Zwischen “Der Staat regelt alles” und “Ich baue mir einen Bunker für den Bürgerkrieg” liegt ein riesiger Bereich vernünftiger Eigenverantwortung.

Ein paar Wochen Wasser und Lebensmittel zu Hause zu haben, ist nicht extrem. Ein Notfallrucksack ist nicht extrem. Eine Hausapotheke ist nicht extrem. Zu wissen, wo wichtige Dokumente liegen, ist nicht extrem. Mit Nachbarn zu sprechen, ist nicht extrem.

Extrem ist eher, Menschen dafür zu beschämen, dass sie praktische Vorsorge treffen.

Differenzieren wäre mal eine Idee

Vielleicht schaffen es Medien irgendwann, Menschen nicht ständig in Schubladen zu stecken: gut oder böse, klug oder Spinner, Experte oder Extremist, Aktivist oder Gefahr.

Man kann doch einen Kernansatz respektieren und trotzdem Extreme kritisieren.

Man kann sagen: Ja, private Krisenvorsorge ist sinnvoll. Und ja, bewaffnete rechtsextreme Netzwerke sind gefährlich. Das ist kein Widerspruch. Das ist Differenzierung.

Was aber nicht funktioniert: jahrelang mit erhobenem Zeigefinger auf “Prepper” zeigen und dann plötzlich dieselbe Grundidee staatlich bewerben, sobald sie politisch opportun ist.

Fang pragmatisch an

Niemand muss morgen zum Outdoor-Spezialisten werden. Niemand muss sich in Angst hineinsteigern. Niemand muss sein Wohnzimmer in ein Lager verwandeln.

Aber jeder kann eine einfache Frage stellen:

Success

Wäre ich mit meiner Familie für ein paar Tage handlungsfähig, wenn Strom, Wasser, Kartenzahlung oder Supermarktversorgung plötzlich ausfallen?

Wenn die ehrliche Antwort Nein lautet, dann ist das kein Grund für Panik. Es ist ein Grund, diese Woche eine kleine Lücke zu schließen.

Ein Kasten Wasser. Ein paar haltbare Lebensmittel. Wichtige Medikamente. Batterien. Taschenlampe. Bargeld. Kopien wichtiger Dokumente. Telefonnummern auf Papier. Und vielleicht ein Gespräch mit Freunden oder Nachbarn, wer im Ernstfall was kann.

Krisenvorsorge beginnt nicht mit Angst.

Sie beginnt mit Verantwortung.

Fazit

Dass Innenminister heute zur Krisenvorsorge aufrufen, ist richtig. Falsch war nur, wie oft dieses Thema vorher medial moralisiert und stigmatisiert wurde.

Wer vorsorgt, ist nicht automatisch ein Spinner. Wer Vorräte hat, beschwört keine Apokalypse herauf. Wer eigenständig handeln möchte, ist nicht staatsfeindlich.

Eine mündige Gesellschaft braucht Bürger, die im Ernstfall nicht sofort hilflos sind.

Und vielleicht wäre es an der Zeit, Menschen nicht nach den extremsten Beispielen ihrer vermeintlichen Gruppe zu bewerten, sondern nach dem Kern ihres Ansatzes.

In diesem Fall ist der Kern ziemlich einfach: vorbereitet sein, ohne durchzudrehen.

Quellen

Footnotes

  1. t-online: “Innenministerkonferenz in Hamburg: Dobrindt packt Notfallrucksack”, archiviert am 20.06.2026. 2

  2. Landkreis Würzburg: “Gesundheitsamt spricht Abkochgebot für Trinkwasser in Würzburg und Gerbrunn aus”, archiviert am 20.06.2026.

  3. TV Mainfranken/Facebook: “Ist denn schon wieder Corona?”, Abruf am 20.06.2026. Wayback-Archivierung schlug am 20.06.2026 mit HTTP 523 fehl; zusätzlich lag ein Screenshot des Beitrags vor.

  4. Bundesamt für Verfassungsschutz: “Angriffe von Linksextremisten auf Kritische Infrastrukturen und Wirtschaftsunternehmen”, Beispiel Brandanschlag Berlin am 3. Januar 2026, archiviert am 20.06.2026.

  5. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: “Ratgeber und Checklisten zur Vorsorge für Krisen und Katastrophen”, archiviert am 20.06.2026.

  6. DIE ZEIT: “Linke üben Schießen”, archiviert am 01.06.2026.

  7. Süddeutsche Zeitung: “Mehr als nur ein Faible für Vorräte”, archiviert am 20.06.2026.