Merz und die angeschlagene Wirklichkeit

Merz und die angeschlagene Wirklichkeit

Titelbild: Wirtschaftlicher Realitätscheck zu Merz’ Aussage über Russland und Deutschlands schwaches BIP-Wachstum

Manchmal sagt ein Satz mehr über den politischen Blickwinkel aus als über die Realität, die er angeblich beschreibt. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte vor dem G7-Gipfel in Évian-les-Bains mit Blick auf den Ukraine-Krieg: Russland könne militärisch nicht gewinnen, zudem sei seine Wirtschaft angeschlagen. Gerade der zweite Teil dieser Aussage verdient einen genaueren Blick–nicht, weil Russland wirtschaftlich keine Probleme hätte, sondern weil der Vergleich mit Deutschland die Kanzler-Aussage in ein sehr merkwürdiges Licht rückt.

Die Kanzler-Aussage

“Russland kann militärisch nicht gewinnen. Zudem ist seine Wirtschaft angeschlagen.” Quelle: Statement von Bundeskanzler Friedrich Merz vor dem Abflug zum G7-Gipfel, 15. Juni 2026.

Die Erzählung von der russischen Schwäche

Die Erzählung von der “angeschlagenen russischen Wirtschaft” begleitet die deutsche Debatte nun schon seit Jahren. Mal sollten Sanktionen Russland in die Knie zwingen, mal sollte Moskau kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps stehen, mal sollte die Finanzierung des Krieges angeblich kaum noch durchzuhalten sein. Nur: Wenn eine Erzählung über Jahre wiederholt werden muss, während die erwartete Realität nicht eintritt, sollte man irgendwann die Erzählung überprüfen–nicht die Wirklichkeit ignorieren.

Die Statista-Auswertung zum realen Bruttoinlandsprodukt Russlands zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: 2023 lag Russland mit 4,07 Prozent im Plus, 2024 sogar +4,92 Prozent und 2025 noch +0,98 Prozent. Für 2026 und 2027 werden jeweils rund +1,09 Prozent prognostiziert. Das ist kein Boom. Aber es ist eben auch nicht das Bild einer Volkswirtschaft, die unmittelbar am Boden liegt. Wer so tut, als sei Russland ökonomisch erledigt, muss erklären, warum selbst die offensichtlichen Wachstumsdaten diese Dramaturgie nicht hergeben.

Der nüchterne Blick

Eine Wirtschaft kann strukturelle Schwächen haben und trotzdem wachsen. Aber “angeschlagen” klingt politisch nach etwas anderem: nach einer Lage, die kurz vor dem Nachgeben steht. Genau diesen Eindruck tragen die öffentlich sichtbaren Wachstumsdaten für Russland eben nicht.

Und Deutschland?

Spannend wird es erst richtig, wenn man die Aussage nicht isoliert betrachtet, sondern Deutschland danebenlegt. Die Statista-Grafik zur Entwicklung des realen BIP in Deutschland zeigt für 2023 ein Minus von 0,9 Prozent, für 2024 ein weiteres Minus von 0,5 Prozent und für 2025 nur ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. Russland lag 2023 bei +4,07 Prozent und 2024 bei +4,92 Prozent. Genau in diesen Jahren, in denen Deutschland wirtschaftlich erst stagnierte und dann schrumpfte, erzielte Russland also deutlich höhere Wachstumsraten.

Für Deutschland stehen in der Statista-Prognose für 2026 und 2027 wieder positive Mini-Werte im Raum (0,6 und 0,9 Prozent), aber nach zwei Schrumpfungsjahren und faktischer Stagnation ist das kein Grund für selbstzufriedene Belehrungen anderer Länder. Zumal diese Prognosen keineswegs sicher sind: In den letzten Jahren kannten die anfänglichen Prognosen auch nur eine Richtung - nach unten.

Wenn also ausgerechnet der deutsche Kanzler Russland als wirtschaftlich angeschlagen beschreibt, während die eigene Volkswirtschaft gerade erst aus Rezession und Stagnation herauskriecht, dann wirkt das weniger wie strategische Analyse und mehr wie politische Selbstvergewisserung. Man kann diese Aussage diplomatisch nennen. Man kann sie innenpolitisch motiviert nennen. Man kann sie aber auch schlicht als Realsatire lesen.

Die eigentliche Frage

Wenn Russland nach +4,07 Prozent im Jahr 2023, anschließend +4,92 Prozent und +0,98 Prozent erreicht und dennoch “angeschlagen” sein soll: Was ist dann Deutschland mit -0,9 Prozent, -0,5 Prozent und +0,2 Prozent im selben Zeitraum?

Außenpolitische Rhetorik ersetzt keine wirtschaftliche Bilanz

Natürlich ist die Wirtschaftskraft nur Zahl. Inflation, Staatsfinanzen, Rüstungsausgaben, Importabhängigkeiten, Demografie, Produktivität und Kapitalflucht gehören ebenfalls in die Analyse. Aber genau deshalb sollte ein Bundeskanzler mit solchen Etiketten vorsichtig umgehen. Wer “angeschlagen” sagt, setzt einen Deutungsrahmen–und dieser Deutungsrahmen muss belastbar sein.

Bei Russland wird seit Jahren politisch und medial in Deutschland ein ökonomischer Niedergang erzählt, der politisch nützlich ist, weil er Hoffnung vermittelt: Die Ukraine müsse nur weiter unterstützt werden, die Sanktionen müssten nur weiterwirken, irgendwann werde Moskau wirtschaftlich nachgeben. Das kann man politisch vertreten. Aber wenn die Daten nicht zum Wunschbild passen, wird aus Analyse Propaganda im Sonntagsanzug.

Besonders irritierend ist, dass Deutschland selbst längst genug wirtschaftliche Baustellen hat: Deindustrialisierungstendenzen, hohe Energiepreise, schwache Investitionen, überbordende Regulierung und eine Wirtschaftspolitik, die viel zu oft moralisch glänzen will, während sie materiell scheitert. Vor diesem Hintergrund wirkt Merz’ Aussage wie ein Blick durch ein Schlüsselloch: Man sieht genau den Ausschnitt, der in die eigene Erzählung passt, und blendet den Rest aus.

Mein Fazit

Ich halte es für gefährlich, wenn Regierungspolitik sich an Durchhalteparolen entlanghangelt, während die wirtschaftlichen Realitäten immer unbequemer werden. Russland ist nicht unverwundbar, und seine Wirtschaft ist sicher nicht frei von erheblichen Belastungen. Aber die Behauptung, Russland sei wirtschaftlich angeschlagen, wirkt fragwürdig, wenn die verfügbaren Wachstumsdaten ein stabileres Bild zeigen als die deutsche Entwicklung der letzten Jahre.

Deutschland sollte also weniger Energie darauf verwenden, anderen Ländern wirtschaftliche Schwäche zu attestieren, und mehr Energie darauf, die eigene Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Denn wer im Glashaus der Rezession sitzt, sollte mit großen geopolitischen Steinen sehr vorsichtig sein.

Quellen